Paintings Drawings Objects

Giso Westing : Rede zur Eröffnung der Ausstellung von
Ulrike Henss, „RED meets BLUE and other Stories“,
in der Galerie der arche, Hameln, März 2010

Es gibt einen Dreisatz der Ohnmacht:
was sehen wir – was sehen wir nicht – was sollen wir sehen, und daraus folgt dann unweigerlich: WAS SOLLTEN WIR SEHEN.

Man kann die Zustände auf dieser Welt beklagen, bejammern oder verdammen, man kann sie begrüßen und man kann sogar seinen Profit daraus ziehen. Man kann an der Differenz von Sollen und Sein, also vom Unterschied zwischen dem, was behauptet und angestrebt wird und dem, was dabei am Ende herauskommt, verzweifeln – oder man kann, wie es Ulrike Henß in und mit ihrer Arbeit versucht, das Falsche, Verlogene und Fürchterliche in den Griff kriegen durch bildnerische Tätigkeit. Es gibt gegen die starre Macht die Waffe der beweglichen Fantasie, die Ironie, den Spott und die aufdeckende Verhöhnung. Nur so kann die Herrschaft entzaubert werden, nur so wird der Bann gebrochen und „…bautz, baradautz, der Götze liegt am Boden“. Nichts fürchten die Mächtigen mehr als das „philosophische Lachprogramm“ einem Zynismus der Aufklärung, – denn Aufklärung ist „Ent-täuschung“, indem der Schleier der Täuschung weggezogen wird und die Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit dahinter zum Vorschein kommt.

In dieser Installation „Big American Sale“ zeigt uns Ulrike Henß einen George W. Bush, der die USA wie ein moderner König UBU regierte. Flankiert von seinen Helfern zieht er aus zum blutigen Großreinemachen im anderen Teil der Welt.

Die Verkleinerung des Schrecklichen war schon immer ein probates Mittel der Lachkultur des Grotesken. Anders herum basiert der militärische Schrecken auch auf dem Effekt der Verkleinerung in der modernen Kriegsführung. Wenn auf einer Collage Papierflieger auftauchen, die Bomberflugzeuge stilisieren, dann ist das genau der Effekt des Moving Targets – des beweglichen Ziels –  das den Feind zum Punkt macht, den man treffen muss – genau wie im Computerspiel. Ähnliches gilt für die Not und das Elend anderer, die weit weg sind (und dadurch verkleinert sind in ihrer Allgemeinheit) wie z.B. die Boat-People, deren gefahrvolles Schicksal eine andere Collage mit Papierschiffchen versinnbildlicht im Gegensatz zu den oben schwimmenden Schiffen des Kapitals, das sein Schäfchen (ill. Schiff- chen) immer am Ende ins Trockene bringt.

Aber dieses konkrete politische Engagement ist nur eine thematische Ebene in der Arbeit von Ulrike Henß. Die inhaltlichen Hintergründe sind ebenso sehr auch allgemein gefasst, und nicht zu kapitulieren, nicht die weiße Flagge zu zeigen und den Widerspruch der Existenz auszuhalten ist ein Generalthema, das immer wieder auftaucht.

Ein Bilder-Tagebuch einer Krebserkrankung zeugt davon, wie durch die gestalterische Aneignung der Schmerzen, Ängste und Veränderungen im Körper diese auch ebenso sehr gebannt werden können. Natürlich gelten bei einem solchen Vorgehen andere bildnerische Gesetze, – nämlich die einer hemmungslosen Subjektivität. Denn der Kampf um die eigene Existenz und gegen die Krankheit wird nicht auf dem Fechtboden ästhetischer Ziselierungen ausgetragen. Jeder mag hier zusehen und sehen, was es zu sehen gibt. Direktheit, mit dem Rücken zur Wand wäre hier wohl das Stichwort. Es sind Erzählungen ohne Worte, am Abgrund der Sprachlosigkeit. –

Andere Zyklen sind wiederum voller Sprache, (Bild-) sprachlicher Formulierlust: wie etwa die Huldigung an das Salz in allen Facetten. So etwas kann man dann Bildtafelgetreu nachlesen wie eine Bildermoritat von oben nach unten und von rechts nach links. Aber der eigentliche Bogen, der sich über alles spannt ist dann doch das der einer formalen Organisation, die unternommen werden muss, um das, was nicht zusammen passt oder nicht zusammen sein will, dennoch auf eine – wenigstens – Bildebene zu zwingen.

Es geht in allen Arbeiten um einen Widerspruch, um eine Dualität. Das ist mehr als nur starker Kontrast. Das ist vielleicht der Hauptwiderspruch im Menschen, der zwischen Freiheit und Unfreiheit, respektive Ordnung und Chaos hin und her gerissen ist.

Ulrike Henß hat in Berlin bei den beiden abstrakten Malern Gerhard Fietz und Fred Thieler studiert. Gerade bei Thieler spiegelt der Einsatz der Farbe, die im Bild geradezu mit sich ringt und in einem Dauerkonflikt begriffen ist, einen solchen inhärenten Widerspruch wieder. Allein schon der Rot- Blau- Kontrast hat etwas unversöhnliches (Kobaltblau und dunkles Zinnober). Dazu kommen Fundstücke, die als Bildauslöser fungieren können, die eingearbeitet werden, aber gleichzeitig dann doch im doppelten Sinne die Fläche verlassen, durch Heraus- und Hervorragen.

Und indem sie malerisch integriert werden, kommen die Fundstücke – wenn man genau hinsieht, immer mehr zum Vorschein – weil der Betrachter etwas zu erkennen sucht und fragt – was war das? Genauso wie Verpackung durch das Versprechen erst recht auf den Gegenstand aufmerksam macht.

Natürlich haben auch die beiden sehr „malerischen“ Pop-Künstler der amerikanischen Klassischen Moderne, Jasper Johns und Robert Rauschenberg, bei Ulrike Henß Spuren hinterlassen. Diese beiden Künstler sind großartige Vorbilder, weil sie den blitzschnellen, virtuosen Wechsel zwischen hektischem Schütten der Farbe und integrierenden, einbettenden Malvorgängen, die einer klassischen Malkultur entspringen, so toll beherrschen.

Gerade auch das Entfesseln schroffer Kontraste entspricht der Arbeitsweise von Ulrike Henß. Wer das Wilde auch zähmen kann und wer die stärksten Kontraste vor dem Auseinanderfallen bewahren kann, wer ein „Feeling“ für diese Möglichkeiten des Umganges mit der Farbe hat, kommt mit dieser „riskanten“ Methode zurecht. Es ist vielleicht in diesem Zusammenhang interessant, dass Ulrike Henß sich beim Arbeiten von heftiger Punk-Rock und Grunge-Musik geradezu aufputschen lässt. Die Titel beziehen sich häufig auf Musikstücke, die den Malprozess begleitet haben.

Ulrike Henß sieht sich als Sammlerin von Spuren des Alltags. Eine Sammlerin sowohl der Eindrucke und Ereignisse als auch der konkreten Reste und Fundstücke ganz im Sinne des künstlerischen Großvaters Kurt Schwitters. Genau wie diesen interessiert sie es, wie die Fundstücke im bildnerischen Prozess ihre alte Wirklichkeit verlieren und in eine neue, fremde übergehen. Diese Transformation ist der Weg des Poetischen, wie aus einer Welt eine neue, andere hervorgeht, manchmal hart und plötzlich, dann wieder auch leise, geräuschlos und unmerklich.

Programmatisch nennt Ulrike Henß ihre Ausstellung „ RED meets Blue and other Stories“. Und weil zu jeder Story eine Geschichte und die sie verkörpernden Protagonisten gehören, seien diese hier in der Zusammen-fassung noch einmal aufgeführt:

Hauptdarsteller sind natürlich die Farben Rot und Blau sowie die Fundstücke aus dem Alltag, alles was wertlos war und neuen Wert im Arbeitsprozess bekommt. Als Komparsen treten eine Fülle weiterer Mitspieler auf; die Zwischentöne, die exzessive Musik. Die ehemalige Bedeutung der Fundstücke, die Buchstaben, Zeichen und aufbewahrten Erinnerungen, die Zeitungsmeldungen und Nachrichten, die Bedrohung, der Schmerz, die Lust, der Humor und die Verwandlung – die gewissermaßen uns Zuschauer durch das ganze volle Programm führt.

Giso Westing
26. März 2010
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Giso Westing, Hannover
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